Entwicklung eines Abfallwirtschaftskonzeptes für die Touristikgebiete des Baikalsees
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Internationaler Workshop des deutsch-russischen Gemeinschaftsprojektes: "Entwicklung eines Abfallwirtschaftskonzeptes für die Touristikgebiete des Baikalsees"

Der internationale Workshop zog am 24. Oktober 2007 über 40 Teilnehmer in den Konferenzraum des Business-Hotels Delta, Irkutsk. Die vier Themenbereiche Abfallwirtschaft und Entsorgung, Sortierung und Recycling, Deponierung sowie Aufklärungsarbeit bildeten den Rahmen des Programms. Insgesamt wurden 15 Vorträge von internationalen Experten, Mitgliedern von NGO’s des Irkutsker Gebietes, der TU Irkutsk und von Vertretern deutscher und russischer Unternehmen im Bereich Abfallentsorgung und -verwertung gehalten.

Eröffnet wurde der Workshop durch die Dekanin der Fakultät für Chemie-Metallurgie der TU Irkutsk, Frau Prof. Zelinskaja, und dem Leiter des deutsch-russischen Projektes, Herrn Prof J.-D. Herbell, die die Anwesenden gemeinsam begrüßten.

Im ersten Vortrag präsentierte Herr Ralf Menzel vom deutschen Umweltbundesamt (UBA), Dessau die neue Anlaufstelle "Techniktransfer (Abfallwirtschaft)" als Plattform für den Transfer deutscher Abfallbehandlungstechnologien. Im Vortrag wurden Informationsmöglichkeiten durch Nutzung einer neu entwickelten Datenbank über BAT-Technologien im Bereich Abfallwirtschaft demonstriert. Herr Menzel berichtete über aktuelle Publikationen, CD’s und Broschüren des UBA und überreichte jedem russischen Vortragenden eine Zusammenstellung.

Die Vorstellung des Standes und der Perspektiven des Gemeinschaftsprojektes nach dem ersten Projektjahr durch die deutsche Projektkoordinatorin Frau Dr. Selic löste eine angeregte Diskussion aus. Insbesondere die Müllanalysen auf der Insel Olchon, die deutliche Hinweise auf Recyclingpotentiale aufzeigten, stießen auf großes Interesse. Heiß diskutiert wurde der Ursprung der Abfälle, da die Analysen zeigten, dass viele ungeordnete Abfall-Ablagerungen Siedlungsabfälle waren und nicht, wie bisher vermutet, von Touristen verursacht. Herr Klausjürgen Franz von der Firma SSI-Schäfer erläuterte die Vorteile einer getrennten Erfassung von Hausmüll und präsentierte die möglichen Erfassungssysteme seines Hauses. Sehr engagiert und fundiert berichtete er von seinen jahrelangen Erfahrungen auf dem russischen Markt.

Frau Natalia Stupina, Vizedirektorin des Amts für Umweltschutz, Komitee der kommunalen Stadtentsorgung, berichtete über den aktuellen Stand der Abfallentsorgung in Irkutsk. Sie stellte ein für 2008 geplantes Modellprojekt vor, wonach in ausgewählten Stadtbezirken eine getrennte Erfassung erprobt werden soll.

Herr Franz lud Frau Stupina ein, gemeinsam mit dem Bürgermeister der Stadt Irkutsk das Unternehmen SSI-Schäfer zu besuchen, um deutsche Erfahrungen in der Abfallentsorgung im kommunalen Bereich kennen zu lernen und gemeinsam ein Pilotprojekt auszuarbeiten. Ziel ist ein modernes Abfallwirtschaftskonzept für die Stadt Irkutsk und darüber hinaus, zumal durch einen geplanten Zusammenschluss mit anderen Städten der Region eine Agglomeration mit mehr als einer Millionen Bürgern diskutiert wird.

Der geplante Bau einer Deponie bei Imel Kutul sorgte für besonderes Interesse am Vortrag des deutschen Deponie-Experten aus dem Umweltbundesamt, Herrn Dr. Bernd Engelmann, der die Bedeutung von Deponien bei der Abfallentsorgung erläuterte. In seinem Vortrag wies Herr Dr. Engelmann auf die Bedeutung einer Vorbehandlung und Inertisierung der organischen Fraktion von Siedlungsabfällen vor deren Ablagerung hin. Die einfachste Möglichkeit wäre die Abtrennung und Kompostierung von Organik.
Auf der Deponie bei Imel Kutul sollen alle Abfälle der Insel Olchon und des Küstengebietes am Maloe More (Kleines Meer) abgelagert werden. Mit der Projektierung der neuen Deponie wurde die Fa. SIBECOM GmbH aus Irkutsk beauftragt, deren Vizepräsidentin ebenfalls anwesend war. 2007 stellte die Administration des Irkutsker Gebiets dafür 1,5 Mio. Rubel zur Verfügung.
Die Experten des deutsch-russischen Projekts besuchten diese Firma im ersten Projektjahr bereits mehrfach und begleiteten eine öffentliche Anhörung zum Bau der Deponie am Sitz der zuständigen Verwaltung in Elanzy. Auf dem Workshop wurde wie bereits zuvor angeregt, beim Bau der Deponie eine Möglichkeit zur Trennung und/oder getrennten Erfassung von recycelbaren Fraktionen wie Glas, Metall und Plastik vorzusehen.

Auf besonders große Resonanz stieß der Vortrag des stv. Leiters der Abteilung für den Schutz des Baikalsees der Administration des Irkutsker Gebietes, Herrn Alexey Djakov. Er erläuterte die komplizierten sozial-ökonomischen Verhältnisse im Olchonsker Landkreis. Die Stadt Irkutsk sei dort laut russischer Gesetzgebung nicht für die Abfallentsorgung zuständig, das falle in den Kompetenzbereich der Kommunen, einschließlich Verwertung und Deponierung. Auch sei die räumliche Entfernung der Stadt Irkutsk zum Landkreis hinderlich. Die lange Prozedur zum Erhalt von Lizenzen für Abfallbehandlung jeglicher Art führe dazu, dass viele kleinere und mittlere Unternehmer illegal arbeiteten und damit die Erfassung und Verwertung der Abfälle erschweren.

Ungeachtet derzeit noch wenig attraktiver Perspektiven und ökonomischer Risiken gibt es in Irkutsk bereits mehr als 50 Unternehmen (größtenteils ohne Lizenz), die sich mit der Sammlung und Verwertung von Abfällen beschäftigen. Ein solches Unternehmen stellte der Leiter der GmbH "Die reine Stadt" aus Schelechov, Herrn Oleg Katschaev vor. Er hat einen Betrieb zur Verwertung von Altplastik eröffnet, in dem Granulat aus Altkunststoff zur Herstellung von Kunststoff-Dachpfannen und weiteren Produkten verarbeitet wird. Ein weiterer Unternehmer, Herr Sergei Sporyshev von "Teves" GmbH, startete vor kurzem mit der Verwertung von Altreifen.

Der Themenbereich Aufklärung umfasste sozialwissenschaftliche und ökologische Arbeiten sowie Umweltausbildung und PR-Aktionen im Olchonsker Landkreis und wurde in mehreren Vorträgen beleuchtet.
Frau Prof. Nataliya Struck, die Direktorin des soziologischen Zentrums der TU-Irkutsk präsentierte die Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Umfragen auf der Insel Olchon, die während des "Ökologischen Sommerpraktikums" im Rahmen des Gemeinschaftsprojektes im Juni und Juli 2007 durchgeführt wurden. Zentrale Aussage der umfassenden Fragebogenaktion war, dass mehr als 80% der Besucher der Insel Olchon diese als "dreckig" empfänden.

Vorgestellt wurden weitere ökologische Projekte, die während des Sommers 2007 neben der "Ökologischen Sommerschule" stattfanden. Herausragend war die Aktion "Saubere Ufer des Baikalsees", organisiert und finanziert von der "Heineken Brewery", Baikal LLC. Die PR-Managerin des Unternehmens, Frau Anastasiya Malygina berichtetet über die durchgeführten Arbeiten auf Olchon, z.B. die Sanierung der ungeordneten Ablagerung bei Charanzy, die Errichtung von Müllsammelplätzen und Containerstandorten, und über die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Marina Pikova, der Leiterin der kommunalen Entsorgungsbetriebe "MUP Olchon". Anschließend stellte sie die geplanten Maßnahmen für 2008 vor, mit denen die Arbeiten im Gebiet des Maloe More fortgesetzt werden sollen.

Heineken finanzierte ebenfalls Aufklärungsmaßnahmen innerhalb des Programms "Nachhaltige Entwicklung des Irkutsker Gebiets" welche vom Fonds "Wiedergeburt von Sibirien" in Zusammenarbeit mit der Verwaltung des Olchonsker Landkreis durchgeführt wurden. Die Direktorin des Programms, Frau Tatyana Markova präsentierte anschaulich die Erfahrungen daraus.

Der Vize Direktor des Pribaikalsker Nationalparks, Herr Dr. Vitaliy Rjabzev kritisierte in seinem Vortrag "Die Olchonsker Frage, Einfluss des wilden Tourismus auf die Natur", wie schon am Vortag beim "Runden Tisch" im Gouverneursamt die staatliche Politik hinsichtlich der besonders geschützten Naturräume einschließlich mangelnder Finanzausstattung.

Er wies eindringlich darauf hin, dass auf der Insel Olchon, die zum Weltnaturerbe gehört, Tierarten, wie z.B. die Wildpferde, verschwunden seien und sich die Bestände an seltenen Tierarten, wie den Falken drastisch verringerten. Hauptursache für die Schädigung von Flora und Fauna sei der unkontrollierte Tourismus und illegale Besitznahme von Flächen des Naturschutzgebietes. Er warnte vor der Inbetriebnahme einer zweiten Fähre nach Olchon, wie sie für 2008 geplant sei, da sie den Touristenstrom unkontrolliert vergrößere mit dramatischen Folgen für die Natur.

Frau Jana Ogarkova, Leiterin der Abteilung für Ökotourismus der "Ökologischen Baikalwelle" berichtete über den Wettbewerb "Freunde des Baikalsees – 2007", der im August 2007 mit der Touristikbranche durchgeführt wurde. Ziel des Wettbewerbes war die Kür des umweltfreundlichsten Hotels in der zentralen Zone des Baikalsees. Der Wettbewerb soll zukünftig jährlich stattfinden und den Grundstein für eine freiwillige ökologische Selbstkontrolle der Touristikbranche legen.

Abschließend informierte die russische Koordinatorin des Projektes, Frau Dr. Olga Ulanova in ihrer Präsentation über den aktuellen Stand des Recyclingmarkts in der Baikalregion und die Perspektiven für eine selektive Sammlung von Abfällen auf Olchon. Das Abfallaufkommen auf der Insel Olchon wurde berechnet und Prognosen bis zum Jahr 2013 gegeben.
Die durchgeführten Abfallanalysen hinsichtlich der qualitativen und quantitativen Zusammensetzung der Olchonsker Abfälle ermöglichen in Kombination mit der Marktanalyse eine Abschätzung von potentiellen Einnahmen durch den Verkauf von sekundären Rohstoffen. Diese könnten die Gebühren für die Sammlung, Abfuhr, Verwertung und Entsorgung der Abfälle sowohl für die Bürger als auch für die Touristen auf Olchon deutlich senken.

Resümee des Workshops zog der Projektleiter, Prof. Dr. J.-D. Herbell. Er bat um Koordinierung aller Kräfte in der Region. Weitere Investitionen Deutschlands oder der EU in Projekte der Baikalregion hingen vom Erfolg des modellhaften Projektes auf Olchon ab. Darüber sollten in erster Linie diejenigen nachdenken, die am Steuerrad der strategischen Planung zur Entwicklung des Gebietes Irkutsk ständen!

Der Workshop präsentierte für viele Anwesende neue Anregungen zur Lösung der anstehenden Probleme in der Abfallwirtschaft. Viele haben das Angebot zur beratenden Hilfe insbesondere durch die UBA-Vertreter und Herrn Franz von SSI-Schäfer dankbar angenommen.

Die Teilnehmer dankten den Veranstaltern für die gut organisierte und lehrreiche Veranstaltung. Betont wurde, dass das Gemeinschaftsprojekt schon in seinem ersten Projektjahr einen maßgeblichen Beitrag zur abfallwirtschaftlichen Entwicklung der Insel Olchon beigetragen und die Aussicht auf messbare und nachhaltige Erfolgen viele begeistert und motiviert habe.

News
Chronik des deutsch-russischen Projektes 2006-2008




Irkutsk-Insel Olchon, Baikalsee, Russland

22.06.-13.07.2008
Das zweite internationale Umweltmanagement-Praktikum an der TU-Irkutsk und auf der Insel Olchon.


Irkutsk-Insel Olchon, Baikalsee, Russland

März-Juni 2008
Ökologisches Ausbildungs- programm in der Mittelschule Num. 1, Siedlung Chugier "Grundlagen für ein Abfallmanagement auf der Insel Olchon".


Irkutsk, Russland

23.-25.10.2007
Internationaler Workshop im Rahmen des deutsch-russischen Gemeinschaftsprojektes "Entwicklung eines Abfallwirtschaftskonzeptes für die Touristikgebiete des Baikalsees", Irkutsk.


Insel Olchon, Baikalsee, Russland

Praktikum der Internationalen Ökologischen Sommerschule "Abfallmanagement in den Touristikgebieten des Baikalsees" Deutsch-Russisches Gemeinschaftsprojekt vom 23.06-06.07.2007


TU Irkutsk, Russland

Internationalen Ökologischen Sommerschule "Abfallmanagement in den Touristikgebieten des Baikalsees" am 18.-19. Juni 2007


Irkutsk, Russland

Treffen der Parlamentarischen Staatssekretärin Astrid Klug am 21.08.2006 mit dem Gouverneur des Gebiets Irkutsk.